Welchen Einfluss hat Östrogen auf den Verlauf der MS?

Welchen Einfluss hat Oestrogen auf den Verlauf der MS
ROCHESTER (Biermann) – Eine Frau zu sein, ist einer der stärksten Risikofaktoren für Multiple Sklerose (MS). US-amerikanische Forscher haben nun den Zusammenhang zwischen der reproduktiven Phase von Frauen mit den Phasen der MS korreliert.

Die reproduktive Phase von Frauen, die sich von der ersten (Menarche) bis zur letzten Regelblutung (Menopause) erstreckt, entspricht auch der aktiven entzündlichen Phase bei MS. Im fünften Lebensjahrzehnt erleben Frauen mit MS dann nicht nur die sogenannten Wechseljahre, sondern oft auch den Übergang von der schubförmigen zur progredienten Phase der MS.

Diesen Zusammenhang wollten Wissenschaftler der Mayo Clinic in Rochester, USA, näher beleuchten und befragten daher 137 Frauen mit schubförmig-remittierender und progressiver MS zu ihrer Reproduktionsgeschichte (Alter bei Auftreten der ersten und letzten Monatsblutung, Anzahl der Schwangerschaften). Als Vergleich dienten die Angaben von 396 Frauen der Allgemeinbevölkerung.

Natürliche Menopause bei MS  

Dabei zeigte sich, dass das Menarche-Alter bei Frauen mit MS und Frauen der Kontrollgruppe ähnlich war, allerdings berichteten Frauen mit MS über deutlich weniger voll ausgetragene Schwangerschaften als die Kontrollgruppe. Eine nicht natürliche Menopause war bei Frauen mit MS ebenfalls häufiger (40,7 %) als bei den Kontrollpersonen (30,1 %; p = 0,030). Das Alter bei der natürlichen Menopause betrug bei Frauen mit MS im Median 50 Jahre (48–52 Jahre), Frauen der Kontrollgruppe hatten ihre letzte Monatsblutung mit einem mittleren Alter von 51 Jahren (49–53) nur unwesentlich später.

Der Einfluss von Schwangerschaften

Einen Einfluss auf den Beginn der progressiven MS-Phase scheinen hingegen Schwangerschaften zu haben. So waren Frauen mit MS, die kein Kind geboren hatten, beim Übergang zur progressiven MS im Durchschnitt 41,9 ± 12,5 Jahre alt, während die Progression bei Frauen mit mindestens einer voll ausgetragenen Schwangerschaft im Alter von 47,1 ± 9,7 Jahren erfolgte. Der Effekt war umso stärker, je mehr Kinder die Frauen geboren hatten: Bei ein bis drei Kindern waren die Frauen 46,4 ± 9,2 Jahre alt, bei Frauen mit mindestes vier Kindern trat die Progression in einem mittleren Alter von 52,6 ± 12,9 Jahren auf. 

Einfluss auf den Behinderungsgrad?

Entsprechend zeigte sich auch einen schwangerschaftsspezifischen Effekt des Alters auf das Fortschreiten der Beeinträchtigungen: Eine schwere Behinderung (EDSS 6) erreichten Frauen ohne Kinder im mittleren Alter von 43,0 ± 13,2 Jahren, Frauen mit ein bis drei Kindern im Alter von 51,7 ± 11,3 Jahren und Frauen mit mindestens vier Kindern mit 53,5 ± 4,9 Jahren. 

Auch der Eintritt der Menopause war signifikant mit dem Alter bei einer beginnenden progressiven MS assoziiert. So war die Dauer vom Beginn der Schübe bis zur Progression bei Frauen mit vorzeitiger/früher Menopause kürzer (12,9 ± 9,0 Jahre) als bei Frauen mit normalem Menopausenalter (17,8 ± 10,3 Jahre), aber länger als bei Männern (10,0 ± 9,4 Jahre). Das Alter bei der Menopause war auch signifikant mit dem Alter bei Erreichen eines EDSS-Wertes von 6 verbunden.

Fazit: Günstiger Einfluss von Östrogen 

Obwohl die Kausalität der von ihnen beobachteten Zusammenhänge nicht nachzuweisen sei, deuteten die Ergebnisse auf einen günstigen Einfluss der weiblichen Geschlechtshormone (Östrogene) auf das Einsetzen der MS-Progression hin. Sollte sich dieser Zusammenhang in weiteren Studien bestätigen, müsste dies bei der Beratung von Frauen mit MS zu Schwangerschaft, chirurgischer Menopause und Hormontherapie in den Wechseljahren berücksichtigt werden, erklären die Forscher.