Übergewicht und MS

Übergewicht und MS
Ein erhöhter Body-Mass-Index (BMI) stellt einen relevanten Risikofaktor für die Entwicklung einer Multiplen Sklerose dar – das belegt eine aktuelle Studie mit über 600 Teilnehmern.

Grund dafür könnte das aus den Fettzellen freigesetzte Hormon Leptin sein. Es aktiviert die Produktion immunstimulierender Botenstoffe. Gleichzeitig drosselt es die Freisetzung regulatorischer Zellen, die Autoimmunreaktionen ausbremsen. Auf diese Weise werden Entzündungsprozesse im Gehirn angestoßen – was eine Multiple Sklerose offenbar mit auslösen oder verschlimmern kann.

Global hat das Vorkommen der Multiplen Sklerose in den vergangenen Jahren zugenommen und schon frühere Untersuchungen haben hier eine mögliche Verbindung zum ebenfalls steigenden Auftreten von Übergewicht in der Weltbevölkerung gezogen. In einer jüngst publizierten Studie wurden von 2013 bis 2019 über 600 Probanden untersucht – darunter Menschen mit und ohne MS, normal- wie übergewichtige oder zum Teil auch fettleibige Teilnehmer. Der Großteil der Probanden waren Frauen, das Durchschnittsalter lag bei 41 Jahren.

Höheres Gewicht, höheres Leptin

In allen Gruppen ließ sich beobachten, dass ein höherer BMI zu höheren Leptin-Spiegeln im Blut führte, je übergewichtiger, desto ausgeprägter. Auf den ersten Blick ist dies paradox, führt man sich die Funktion des Hormons im Körper vor Augen: Es dient nämlich vor allem der Steuerung des Sättigungsgefühls. Sind die Fettspeicher gefüllt, setzen sie Leptin frei und signalisieren dem Körper Sättigung. Dadurch reguliert Leptin die Energieaufnahme. Im Falle übergewichtiger Menschen ist jedoch oft eine Leptinresistenz zu beobachten, das heißt, dass trotz gesteigerter Leptin-Mengen eben kein Sättigungsgefühl erreicht wird. Die Ursache für diese fehlende Leptinsensitivität vermuten Forscher in den Nervenzellen.

Leptin fördert Entzündungsprozesse

Bei den Teilnehmern mit MS war der hohe Leptin-Spiegel gleichzeitig mit einer gesteigerten Produktion von die Immunabwehr stimulierenden Zellen, so genannten Zytokinen, verbunden. Diese durch Leptin verursachte Aktivität konnte man auch im Zellversuch nachweisen, indem man die Zellen der Teilnehmer ohne MS mit Leptin behandelte. Darüber hinaus schien Leptin den Anteil zirkulierender regulatorischer Zellen (Treg-Zellen) zu verringern. Diese haben die Funktion, Immunantworten zu kontrollieren.

Auch in anderer Hinsicht wirkt sich das Leptin ungünstig aus: Es verhindert, dass autoreaktive (T-) Zellen, die auch körpereigene Strukturen angreifen und damit Autoimmunreaktionen fördern, den Zelltod sterben. Dadurch erhält Leptin einen entzündungsfördernden Zustand im Organismus weiter aufrecht.

Zusammengefasst weisen die Ergebnisse darauf hin, dass Leptin Autoimmunreaktionen durch diese verschiedenen Wirkmechanismen fördert, konstatieren die Autoren. Ein signifikant erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer MS stellten die Forscher insbesondere bei Übergewicht im Alter von 15 und Fettleibigkeit im Alter von 20 Jahren fest.

Abnehmen zur Prävention und Linderung?

Was könnte dies praktisch bedeuten? Kann Abnehmen eine MS verhindern oder deren Verlauf lindern? Erste Hinweise darauf liefern Tierversuche: Hier sorgte eine deutliche Verringerung der Kalorienzufuhr kombiniert mit einer speziellen Immunisierung der Versuchstiere für eine Besserung der Krankheit, die im Wesentlichen der MS beim Menschen entspricht.

Dennoch sind weitere Untersuchungen notwendig, um den Zusammenhang von Übergewicht und MS näher zu beleuchten – etwa wurden in der aktuellen Studie Faktoren, die zur hohen Gewichtsentwicklung in Kindheit und jungem Erwachsenenalter bei den Probanden geführt haben, noch nicht berücksichtigt.

Unabhängig von den weiteren Forschungsergebnissen gilt: Eine gesunde und ausgewogene Ernährung ist in jedem Fall empfehlenswert. Und insbesondere Menschen mit starkem Übergewicht profitieren von einer, allerdings in einem moderaten Tempo durchgeführten, Gewichtsabnahme – ob mit oder ohne Autoimmunerkrankung.