Multiple Sklerose: Immer mehr Betroffene leben ohne Behinderungen

Menschen und Business-People
Forscher haben den Langzeitverlauf von MS während der Therapie mit Standardmedikamenten beobachtet. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass mittlerweile immer mehr Betroffene ohne Behinderungen leben können.

SAN FRANCISCO (Biermann) – Knapp 17 Jahre nach der Erstdiagnose sind fast 90 Prozent der Menschen mit Multipler Sklerose (MS) noch ohne Hilfe gehfähig. Dies geht aus einer aktuellen US-amerikanischen Studie zum Langzeitverlauf der MS hervor. Ohne Therapie kämen nach vergleichbaren epidemiologischen Studien in dieser Zeit nur etwa 50 Prozent der Betroffenen ohne Gehhilfe oder Rollstuhl aus.

„Was man bisher über den Langzeitverlauf der Multiplen Sklerose wusste, stammt aus Zeiten, in denen noch keine gezielte Therapie zur Verfügung stand, spiegelt also die Entwicklung der Symptome ohne Behandlung wider“, erklärte Prof. Heinz Wiendl von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN).

Um besser zu verstehen, inwieweit heutige Standardmedikamente auf lange Sicht Behinderungen reduzieren, hat ein Forscherteam um Stephen L. Hauser von der University of California in San Francisco nun Daten von 517 Patienten ausgewertet, die über viele Jahre in diesem Zentrum in Behandlung waren.

Gehfähigkeit bleibt lange erhalten

Die Studienteilnehmer wurden bis zu zehn Jahre lang begleitet. Zudem erfassten die Forscher rückblickend die Entwicklung von Behinderungen seit der Diagnose. Dafür nutzten sie die Standardskala EDSS (Expanded Disability Status Scale), die MS-bedingte Behinderungen systematisch erfasst.

Dabei zeigte sich, dass der EDSS-Wert bei  41 Prozent der Studienteilnehmer unter einer sogenannten Plattformtherapie mit Interferon beta 1a und 1b sowie Glatirameracetat und nötigenfalls hochpotenten Wirkstoffen wie Natalizumab und Rituximab stabil blieb oder sich sogar verbesserte. Einen EDSS-Wert von 6 oder größer – gleichbedeutend mit der Notwendigkeit von Krücken oder (ab EDSS 7) eines Rollstuhls – erreichten während der medianen Krankheitszeit von 16,8 Jahren hier lediglich 10,7 Prozent der Patienten. Ohne Behandlung würden etwa 50 Prozent der Betroffenen in diesem Zeitraum eine entsprechende Behinderung entwickeln, wie frühere Studien gezeigt haben.

Seltener schwere Verläufe

Überraschend war auch, dass lediglich 18,1 Prozent der MS-Betroffenen mit schubförmig-remittierender MS eine sekundär progrediente MS (SPMS) entwickelten, bei der sich die Behinderungen und Läsionen im Gehirn zwischen den Schüben kaum noch zurückbilden. Ohne Behandlung läge der Anteil der Betroffenen, deren MS im Beobachtungszeitraum zur SPMS konvertieren würde, zwischen 36 Prozent und 50 Prozent.

„Obwohl es den Kollegen aus San Francisco gelungen ist, den Krankheitsverlauf abzumildern, trat über die Zeit bei 59 Prozent der Studienteilnehmer eine klinisch signifikante Behinderung auf. Das illustriert den anhaltenden Bedarf an effektiveren krankheitsmodifizierenden Therapien für die schubförmige MS und generell für effektive Therapien gegen die progrediente MS“, betonte Wiendl.

Hauser und seine Kollegen nutzten ihre Daten auch, um den Stellenwert bestimmter klinischer und bildgebender Bewertungen für die Prognose der MS zu messen. Überraschenderweise stellten sie dabei fest, dass Patienten, bei denen in den ersten zwei Jahren keine Krankheitsaktivität nachweisbar war (no evidence of disease activity, NEDA), langfristig nicht besser abschnitten als die Gruppe insgesamt.

Quellen: Deutsche Gesellschaft für Neurologie, 27. Oktober 2016; Ann Neurol 2016;80:499-510