MS Diagnostik Insights: Liquoruntersuchung

MS Diagnostik Insights: Liquoruntersuchung
Eine wichtige Methode zur Absicherung der Diagnose MS ist die Liquoruntersuchung. Mittels Lumbalpunktion werden über eine feine Nadel wenige Milliliter Nervenwasser aus der Lendenwirbelsäule entnommen und auf MS-spezifische Antikörper untersucht.

Um die Diagnosestellung bei MS zu standardisieren und einen möglichst frühen Befund mit einer hohen Sicherheit zu erhalten, wurden die so genannten McDonald-Kriterien definiert. Eine frühzeitige und genaue Diagnose ist wichtig, weil die frühe und effiziente Therapie der Erkrankung sich in den letzten Jahren als wesentliches Therapieprinzip herausgestellt hat.  Kern der Diagnosestellung ist der objektive Nachweis von räumlich (MS-Herde) und zeitlich (Schübe) verteilten Krankheitszeichen.  Neben Anamnese, MRT und evozierten Potenzialen spielt die Liquoruntersuchung – also die Untersuchung des Nervenwassers – eine zentrale Rolle.  

Hinweise auf chronischen Verlauf

In Deutschland ist die Liquoranalyse schon immer eine Standardmethode, die grundsätzlich zur Diagnose einer MS herangezogen wird. Doch im Zuge der Revision der McDonald Kriterien im Jahr 2017 hat diese Methode nochmals an Bedeutung gewonnen. Denn seitdem kann der Nachweis von speziellen Eiweißen, sogenannten oligoklonalen Banden, im Liquor als Beleg für eine zeitliche Ausbreitung (Dissemination) der Erkrankung herangezogen werden. Im Liquor von Menschen mit MS sind diese Eiweiße in mehr als 95 Prozent der Fälle enthalten. ,  

Da es einige Zeit braucht, bis sich oligoklonale Banden entwickeln, erhält man mit der Liquoruntersuchung einen Hinweis darauf, ob die Entzündungsreaktion bereits chronisch geworden ist. In vielen Fällen ist davon auszugehen, dass die Erkrankung schon seit Monaten oder gar Jahren besteht, ohne dass der bzw. die Betroffene etwas davon bemerkt hat. 

So wird das Nervenwasser gewonnen

Der Liquor wird durch eine Lumbalpunktion gewonnen. Bei diesem Verfahren wird eine kleine Menge der Nervenflüssigkeit aus dem Wirbelkanal im Bereich der unteren Lendenwirbelsäule entnommen. Zur Punktion führt die Ärztin oder der Arzt eine feine Hohlnadel meist zwischen dem 3. und 4. oder 4. und 5. Lendenwirbel ein. 

Damit die Nadel genug Platz findet, müssen die Wirbel möglichst weit auseinandergezogen, der Rücken also stark gebeugt werden. Das geht am besten mit einer Art Katzenbuckel im Sitzen oder seitlich im Liegen. Zur Vorbereitung der Entnahme wird die Haut an der Einstichstelle betäubt und desinfiziert. Nach dem Einstich wird die Nadel etwa drei bis vier Zentimeter tief zwischen zwei Wirbel bis nahe ans Rückenmark vorgeschoben. 

Das Nervenwasser tropft von selbst durch die Hohlnadel in ein Röhrchen. Abschließend wird die Nadel vorsichtig herausgezogen und die Einstichstelle mit etwas Druck verbunden, damit sich die Wunde schnell wieder schließt. Insgesamt dauert eine Lumbalpunktion etwa eine Viertelstunde. In der Regel bleibt man dafür eine bis maximal vier Stunden in der Klinik oder Praxis. Wichtig ist es, für mindestens eine Stunde zu liegen und sich etwa 24 Stunden zu schonen und viel zu trinken.

Untersuchung des Liquors

Der bei der Punktion entnommene Liquor wird nun im Labor auf Antikörper untersucht. Diese werden nach ihrer Größe sortiert und sind als Streifen – oder Eiweißbanden – auf einem Bild erkennbar. Anhand dieses Bildes erkennt der Neurologe, um welche Arten von Antikörpern es sich handelt.  Um zu beweisen, dass sich die Entzündung auf das zentrale Nervensystem beschränkt – wie es bei einer MS der Fall ist – sollten diese Antikörper nur im Liquor, nicht jedoch im Blut nachweisbar sein. 

Sind drei oder mehr zusätzliche Banden auf einem Bild der Gehirn- und Rückenmarksflüssigkeit mehr enthalten als in der Blutflüssigkeit, ist dies ein positiver Befund für oligoklonale Banden.  Das Vorliegen oligoklonaler Banden ist jedoch kein sicherer Beweis dafür, dass eine MS vorliegt. Gründe für das Vorfinden können außerdem Gefäßentzündungen, altersbedingte Abbauprozesse oder andere entzündliche Erkrankungen des ZNS sein.  Deshalb muss eine MS immer noch durch andere Diagnoseverfahren abgesichert werden.

Risiken einer Lumbalpunktion

An der Stelle, an der die Punktion erfolgt, ist das Rückenmark bereits in einzelne Nervenstränge aufgeteilt, so dass diesbezüglich keine Verletzungsgefahr besteht.  Für kurze Zeit können Schmerzen auftreten: Beim Einstich und falls die Nadel tiefer im Gewebe eine Nervenwurzel berührt. Dann strahlt der Schmerz in ein Bein aus, klingt aber sofort wieder ab. 

Außerdem kann es einige Stunden oder auch Tage nach der Punktion zu Kopfschmerzen, Übelkeit, einem hohen Puls oder niedrigem Blutdruck kommen. Diese Nachwirkungen klingen aber in der Regel nach etwa fünf Tagen ab. Die Kopfschmerzen bessern sich im Liegen meist deutlich. Entzündungen, Blutungen oder andere Komplikationen, die eine Behandlung in der Klinik erfordern, sind sehr selten.