Körperliche Aktivität verbessert bei MS die Aktivität und Verknüpfung von Nervenzellen im Gehirn

Koerperliche Aktivität verbessert bei MS die Aktivität und Verknuepfung von Nervenzellen im Gehirn
HAMBURG (Biermann) – Untersuchungen an Tieren haben gezeigt, dass Ausdauertraining die Fähigkeit des Gehirns fördern kann, sich anatomisch (strukturell) und in seiner Aktivität (funktionell) zu verändern und anzupassen.

Daher glauben Forscher, dass aerobes Training bei neurodegenerativen Prozessen, wie sie bei der Multiplen Sklerose (MS) ablaufen, einen therapeutischen Nutzen haben könnte.

Indem der MS-bedingte Verlust von Nervenzellen durch Neubildung, Reparatur oder Umbau ausgeglichen oder abgemildert werden kann.

Um zu überprüfen, ob Ausdauertraining auch bei Menschen mit MS zu funktionellen und/oder strukturellen Veränderungen im Gehirn führt, ließ ein deutsch-französisches Forscherteam 57 Betroffene mit schubförmig-remittierender MS nach dem Zufallsprinzip entweder drei Monate lang ein Trainingsprogramm mittlerer Intensität absolvieren – oder sie wiesen sie einer Kontrollgruppe ohne körperliche Aktivität zu. Zu Studienbeginn sowie nach drei Monaten unterzogen sich die Studienteilnehmer einer bildgebenden Untersuchung (MRT), bei der die Art und Intensität der Verknüpfung zwischen Nervennetzwerken im Gehirn erfasst wurde.

Dabei wiesen zu Studienbeginn alle Teilnehmer mit MS im Vergleich zu 30 Kontrollpersonen ohne MS eine verminderte anatomische Verknüpfung auf, die in den Regionen des Gehirns am stärksten ausgeprägt war und als Knotenpunkte der Hirnnetzwerke dienen (sog. Hubs). Umgekehrt war die Aktivität der Nervenzellen in den Hubs erhöht.

Nach drei Monaten beobachteten die Forscher in der Übungsgruppe eine Zunahme der Aktivität von Gehirnzellen auch außerhalb der Knotenpunkte. Die Kontrollgruppe zeigte währenddessen eine Abnahme der Nervenzellaktivität in den Hubs. Auf anatomischer Ebene blieb die Kontrollgruppe unverändert, während die Übungsgruppe eine erhöhte Verknüpfungsrate aufwies.

Die beobachteten Veränderungen der Aktivität von Nervennetzwerken in der Übungskohorte gehen nach Einschätzung der Wissenschaftler in erster Linie auf eine erhöhte Leistungsfähigkeit der Faserbahnen in der weißen Gehirnsubstanz zurück, die für kognitive Prozesse wichtig ist.

Der vermutete Wirkungsmechanismus stimme mit früheren Befunden überein, wonach die Mikrostruktur der weißen Substanz ein wichtiger Vermittler zwischen körperlicher Fitness und mentaler Leistungsfähigkeit ist. Und schließlich gebe es Hinweise darauf, dass eine erhöhte Aktivität der Nervenzellen auch die Bildung von Oligodendrozyten und damit eine Remyelinisierung auslöse, fassen die Forscher ihre Ergebnisse zusammen.

 

Quelle: Jan-Patrick Stellmann et. al: Aerobic Exercise Induces Functional and Structural Reorganization of CNS Networks in Multiple Sclerosis: A Randomized Controlled Trial; Front Hum Neurosci 2020 Jun 30;14:255.