Führt ein Transmittermangel zu körperlicher Behinderung?

LONDON (Biermann) – Der Untergang von Nervenzellen gilt als Hauptursache der voranschreitenden Behinderung in progressiven Stadien der Multiplen Sklerose (MS). Nun haben britische Wissenschaftler herausgefunden, dass ein Mangel des Neurotransmitters GABA dafür verantwortlich zu sein scheint.

Die Gamma-Aminobuttersäure (GABA) ist der wichtigste hemmende Neurotransmitter im Gehirn. Um zu untersuchen, ob sich der GABA-Spiegel bei Betroffenen mit sekundär progressiver MS (SPMS) von dem bei Kontrollpersonen unterscheidet und ob dieser mit der kognitiven oder körperlichen Leistungsfähigkeit korreliert, bestimmten die Forscher die GABA-Spiegel von 30 Personen mit SPMS und 17 Kontrollpersonen ohne MS. Dazu unterzogen sich die Studienteilnehmer einer speziellen Magnetresonanztomographie sowie einer ausgiebigen klinischen und kognitiven Untersuchung.

Dabei zeigte sich, dass SPMS-Betroffene im Vergleich zu den Kontrollpersonen in allen motorischen und sensorischen Tests signifikant schlechter abschnitten und deutliche Einschränkungen bei der kognitiven Verarbeitungsgeschwindigkeit und dem Wortgedächtnis zeigten. Darüber hinaus waren ihre GABA-Level im Hippocampus und sensomotorischen Kortex deutlich niedriger als bei den Kontrollpersonen.

Korrelationsanalysen ergaben, dass eine eingeschränkte Motorik in den rechten Extremitäten mit einem verminderten GABA-Spiegel im sensomotorischen Kortex einherging. Für jede Einheit (in mM), um die der GABA-Spiegel abnahm, verringerte sich die Kraft beim Greifen um 10,9 und die Muskelkraft um 8,7 Einheiten (N).

„Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, dass verminderte GABA-Spiegel pathologische Abweichungen widerspiegeln, die für die körperliche Behinderung verantwortlich sein könnten. Diese Abweichungen könnten Einbußen bei der prä- und postsynaptischen Übertragung von GABA und in der Dichte hemmender Neurone umfassen“, erklärten die Autoren. Darüber hinaus könnte die verminderte GABA-Konzentration dazu führen, dass sich Neurone durch übermäßiges Feuern verausgaben, absterben und so motorische Funktionen verloren gehen.

Die Forscher glauben deshalb, dass eine Modulation der GABA-Übertragung ein wichtiges Ziel für neuroprotektive Ansätze bei Multipler Sklerose sein könnte.